Schreiben kann jeder: Heraus mit der Feder! Die Münderanerin Gabrielle Spaeth lebt für Literatur “Mama, hört die Blume, wenn ich mit ihr rede?”
“Wo hört der Himmel auf und was kommt dahinter?” Nie hat Gabrielle Spaeth aus Bad Münder auf Fragen wie diese in ihrer Kindheit befriedigende Antworten gekriegt. Eltern und Lehrer drucksten bloß rum, hatten keine Zeit
oder gaben ihr, dem kleinen neugierigen Naseweis, zu verstehen, dass sie solche schwierigen Dinge sowieso noch nicht begreifen könne. Bitter stellt Gabrielle Spaeth fest: “Unser Erziehungssystem und unsere
Erziehungsmethoden ersticken jedes kreative Denken und überhaupt jede Form von Kreativität schon im Ansatz.” Bei ihr allerdings nicht “Ich hab' mich nicht abwimmeln lassen”. Kann man wohl sagen: Gabrielle Spaeth
schreibt an einem Buch, schult Nachwuchs-Literaten in Schreibwerkstätten, betreibt einen eigenen Buchverlag - und: Sie will “Literatur Aktiv” auf den Markt bringen, eine “Zeitschrift für kreatives Schreiben und Lesen.”
Zielgruppe sind in erster Linie Jugendliche. Ziel ist, “die jungen Leute wegzuholen von Computern, Gameboys und Videoclips und sie wieder fürs eigenständige Denken, Lesen und Schreiben zu begeistern.” Ein wahrhaftig
hehrer Anspruch, den Gabrielle Spaeth mit einer vierteljährlich erscheinenden, jeweils um die 30 Seiten starken Illustrierten in einer Auflage von jeweils 10000 Exemplaren (!) Wirklichkeit werden lassen will. Über das
Stadium der Träume und Spinnereien ist sie dabei längst hinaus, eigenen Angaben zufolge steht sie in “sehr konkreten Verhandlungen” mit der “Gesellschaft für Verlagsmarketing” – Wenn es so läuft, wie sie es sich
vorstellt, wird die erste Ausgabe Anfang nächsten Jahres erscheinen.Konzept und sogar Texte für die Start-Nummer liegen schon im Schreibtisch. Zu Wort kommen außer ihr selbst eine Reihe junger, (noch) weitgehend
unbekannter Schriftsteller. Einige gehören zu den “Textanern”, einer Gruppe von Autoren um Hannover. Einige sind nirgendwo organisiert, haben aber eine Menge mitzuteilen. Einige würden nicht mal so weit gehen, sich als
Literaten zu bezeichnen; sie meinen, etwas zu sagen (sprich: schreiben) zu haben – in literarischer, nicht in berichterstattender Form wie die Medien. Was dabei herauskommt, ist so vielseitig wie die Typen, die
es fabrizieren: tagesaktuelle Themen werden gestreift; es geht um das Schreiben an sich, das Bedürfnis zu schreiben und um Möglichkeiten, es zu lernen. Es ist Raum für Gedichte; es gibt Buchbesprechungen und Buchtips,
einen Veranstaltungskalender mit Lesungen und Schreibseminaren – und: mindestens sechs nackte Seiten! Die sind Gabrielle Spaeth in ihrem Bemühen und junge Leser und Schreiber die Wichtigsten: Hier will sie anfangen,
eine Geschichte zu erzählen; die Leser/Schreiber sollen eine Fortsetzung zu Papier bringen und einschicken. Besonders gelungene Werke werden in der Folge-Ausgabe veröffentlicht und prämiert. Meint Gabrielle Spaeth
wirklich, auf diese Weise technik- und techno-fanatische Kids, Teens und Twens in den Lese-Sessel drücken zu können? “Ja, die meisten brauchen nur einen Anstoß. Die Jugend ist nicht so desinteressiert an Literatur, wie
man ihr gemeinhin nachsagt.” Sie weiß das genau; sie gibt – neben ihren vielen anderen Tätigkeiten – auch Nachhilfe. Und beim Rechtschreib-Training, da wählt sie nicht langweilige Texte aus, sie diktiert aus
Abenteuer-Erzählungen von Jules Verne, aus modernen Szene-Romanen, aus Bestsellern. Der Effekt ist der erhoffte: “Die Kinder wollen wissen, wie es weitergeht und fangen tatsächlich an, selber zu lesen.” Im Meer versenkt In ihrem Berufsalltag als Ausbildungsleiterin beim Schroedel-Verlag in Hannover hat
Gabrielle Spaeth ähnliche Erfahrungen gemacht: Sie ist mit Buchhändler-Lehrlingen durch Bibliotheken gezogen, hat sie “Bücher anfassen und erleben lassen. Ich versuche, Literatur die Aura des Elitären zu nehmen.” Ihr
Motto: “Lesen können alle. Und Schreiben kann jeder. Nur heraus mit der Feder!”Sie selber hatte damit nie ein Problem: Wenn die in Hannover geborene Arzt-Tochter mal wieder wegen Störens aus dem Schulunterricht
rausgeflogen war, setzte sie sich auf eine Friedhofsbank und dichtete oder las. Heute stehen in ihrer kleinen Wohnung in der Robert-Koch-Straße 12 in Bad Münder etwa 3000 Bücher, in jedem Zimmer regaleweise. Fernseher
und Radio hat sie nicht; beides braucht sie nicht. Schon als Kind schmökerte sie ja lieber in Vaters Bibliothek, als mit der Familie vor Glotze oder Grammophon zu sitzen. Mit vierzehn Jahren setzte sie sich mit
Schopenhauer und Leibniz auseinander; zum Lieblingsautoren erkor sie schon früh (und bis heute) Novalis. Puppen, Teddies und Gesellschaftsspiele lagen dagegen wenig beachtet in der Ecke herum. Kaum verwunderlich, dass
Gabrielle Spaeth Theater, Kunst und Literatur studieren wollte. Doch sie durfte nicht: Ärztin sollte sie werden und als solche in Vaters Fußstapfen treten. Der Kompromiss sozusagen war schließlich eine
Buchhändler-Lehre, die sie anno 1960 in Hannover begann. Als Buchhändlerin war sie über zwei Jahrzehnte quer durch die ganze Republik tätig, unter anderem in Berlin, Karlsruhe, Soest, Hamburg und letzten Endes wieder in
Hannover. Natürlich hat sie in dieser Zeit nicht nur Bücher verkauft, sondern auch gelesen. Und sie ist zweimal angetreten, “Jahrhundertwerke” (O-Ton) zu verfassen: einmal, als sie anno 67 eigentlich nach Indien
auswandern wollte, aber auf Kreta hängenblieb. Das Manuskript, ein Drama, versenkte sie ins Meer, als sie nach einem guten halben Jahr nach Deutschland zurückkam. Das zweite “Meisterwerk” (sagt sie selber) “ist im
Werden”; es trägt den Arbeitstitel “Zeitschleifen” und schildert, “wie sich der Mensch in der Zeit verliert”. Nein, sie kommt in letzter Zeit nicht so recht voran: “Mir fehlt die Ruhe; ich habe einfach zuviel um die
Ohren.” Erfreuliches und weniger Erfreuliches. Dass sie seit ihrem Umzug nach Bad Münder im Jahre 1979 in dieser Gegend so gut Fuß gefasst hat und im weiten Umkreis als Leiterin von Seminaren für kreatives Schreiben
gefragt ist – “das gibt mir viel.” – Aber es ist da auch noch die Abwicklung der Vergangenheit: Nach dem Konkurs des Schroedel-Verlags stand Gabrielle Spaeth 1981 auf der Straße. Sie versuchte, auf eigenen Beinen zu
stehen - es ging schief: Den Versandbuchhandel mit esoterisch-philosophischer Literatur musste sie bald wieder auflösen; den einige Jahre darauf gegründeten Leibniz-Verlag gibt's noch. “Aber leben kann ich davon nicht”,
gesteht Gabrielle Spaeth freimütig ein. Sollte es am Angebot liegen? “Ich habe mir die Aufgabe gestellt, weitgehend unbekannte und verkannte Autoren für ein breites Publikum zugänglich zu machen. Das ist nicht
einfach.” Ist das, was sie jetzt mit der Gründung der Zeitschrift “Literatur Aktiv” vorhat, nicht mindestens genauso schwierig? Gabrielle Spaeth meint “nein”. Und im Übrigen: “Es muss immer Menschen mit
viel Idealismus und ein paar Rosinen im Kopf geben; sonst bewegt sich in dieser Gesellschaft bald gar nichts mehr.” Martina Köllner
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